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Merkwürdiges Marokko

Wir warteten eine Woche in Marrakech. Es war Hochsommer, um die 40 Grad. Es gab wahrscheinlich kaum einen angenehmeren Ort bei dieser Hitze als das bekannteste Hotel Marokkos, das damals, 1980, noch den königlichen Zusatz im Namen führte: Royal Mamounia Marrakech.

Ein von Palmen umsäumter Pool mit viel Schatten, klimatisierte Zimmer und jeder erdenkliche Komfort und Luxus. Wir warteten auf meinen Vater, der in Marrakech zu tun hatte. Nicht, dass wir uns das Mamounia hätten leisten können, aber wenn die Familie dabei war, sollte es ihr vom Arbeitgeber aus auch gut gehen. So war das in den 70ern und 80ern.

Ich war genervt von der extremen Aufmerksamkeit des Personals. Nippte ich einmal an meinem Glas, kam sofort ein Diener und goss nach. Es war mir unangenehm, die ganze Zeit beobachtet zu werden. Außerdem war ich ja in der glücklichen Lage, mein Glas bei Bedarf selbst auffüllen zu können. Ich sehe natürlich auch die andere Perspektive: den Wunsch, es dem Gast so bequem wie möglich zu machen und ihm Ehre zu erweisen. Den Wunsch, an seinem Reichtum durch ein Trinkgeld teilzuhaben.

Wenn mein Vater Feierabend hatte, erkundeten wir die Stadt. Bauchladenverkäufer boten einzelne Zigaretten der wichtigsten Marken zum Kauf an und gaben mit großen und eleganten Bewegungen Feuer. Gruppen von Kindern bedrängten uns für Trinkgeld oder Geschenke. Mir wurden von gut aussehenden Männern sehr offensiv Avancen gemacht – schon nach kurzer Zeit legte ich Halskette und Ohrring ab und knöpfte die Hemden höher als zuvor. Es änderte ein wenig, aber meine Haare wollte ich nicht kurz schneiden.

Als mein Vater mit seiner Arbeit fertig war, fuhren wir mit einem Firmenkombi an die Küste. Unterwegs wurde uns Haschisch angeboten, Kiff, wie die Marokkaner sagen. Mein Vater lehnte ab mit der Begründung, es mache in verrückt. Der andere lachte kreischend los und meinte, ja, ihn mache es ja auch verrückt.

Die Hitze wurde trotz der Meernähe immer schlimmer. Aus der Sahara wehte ein unerträglicher Wind nach Westen. Es war so drückend, dass man in kleineren Räumen unweigerlich klaustrophobische Zustände bekam. Im Hotel fielen die Kühlschränke aus und deutsche Idioten, die sich das Saufen trotzdem nicht verkneifen konnten, schon mittags von den Barhockern.

Gleichzeitig war Ramadan. Ich war früher schon im moslemischen Nordafrika, aber nicht im Fastenmonat. Wir fragten jemanden nach dem Weg, doch er öffnete seinen Mund nicht, damit bloß nichts von der trockenen Luft in seinen Körper dringen konnte. Alle waren wie gelähmt, alles verlief in Zeitlupe. Bis bei Sonnenuntergang die Sirene anfing zu heulen. Da schienen die Marokkaner schlagartig zu erwachen, ließen alles fallen und liefen weg, um endlich trinken und essen zu können. Am Morgen wurde so lange geschlafen wie es nur ging und den ganzen Tag über sich möglichst wenig bewegt.

Über den Sand barfuß zum Meer zu gehen, war unmöglich, wenn man sich keine Verbrennungen auf den Fußsohlen zuziehen wollte. Ein Typ in meinem Alter kam uns am Strand entgegen, schaute sich um, warf sich vor uns auf die Knie und flehte nach Wasser. Er wusste, dass er nur bei Touristen damit eine Chance haben würde und dass er von Einheimischen nicht gesehen werden durfte. Wir gaben ihm eine Flasche Wasser, er kippte es in sich ohne abzusetzen, bedankte sich überschwänglich und verschwand ganz schnell. Wir blieben geschockt zurück. Ein vollkommen verzweifelter junger Mann, der sich vor uns auf die Knie warf, weil er von seinem Umfeld zum Ramadan gezwungen wurde? Nach diesem Erlebnis sprach ich bei späteren Reisen den ein oder anderen Araber und Türken auf Ramadan und Ramazan an, keiner wollte darüber reden.

In unserem Hotel war abends nichts los und der Ort war uninteressant. Nebenan war ein Clubhotel voller Franzosen. Ich ging nach dem Abendessen rüber, es wurde ausgelassen gefeiert. Mir wurde klar, wie lebensfroh unsere Nachbarn in Europa doch sind.

Wir fuhren über Schotterpisten durch den Atlas zurück in Richtung Marrakech, aßen bei einem Bergbauern im Garten leckeres Omelett mit Tomaten und Kräutern, bewunderten die Ziegen, die stoisch in den Arganbäumen standen, und stiegen in den Flieger, der uns in den angenehm kühlen, deutschen Sommer brachte.

Erst über 30 Jahre später reiste ich erneut nach Marokko – diesmal natürlich im Winter und mit meiner Frau. Wieder war es einerseits anstrengend und belastend, aber andererseits auch unvergleichlich schön.