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Gefangen in der Vidda

Den ersten Versuch, die norwegische Hardangervidda zu durchqueren, mussten wir nach ein paar Tagen aufgeben. Unsere Ausrüstung war zu schwer und wir kehrten um, solange es noch ging.

Beim zweiten Mal waren wir leichter, übernachteten nur in Berghütten, aber das Zelt fehlte als wichtige Lebensversicherung, wie sich noch herausstellen sollte. 

Die Distanzen zwischen den Hütten waren sehr groß, was anstrengende und lange Wanderungen bedeutete. An der letzten Unterkunft auf unserem Weg, unbewirtschaftet und wegen des niedrigen Standards selten frequentiert, verwandelte sich über Nacht ein kleiner Bach zu einem reißenden Monster und schnitt uns am Morgen den Weg ab. Beim Abendspaziergang hatten wir ihn noch gefurtet, um Fotos von Trolltunga zu machen, der Trollzunge. Jetzt regnete es mit norwegischem Durchaltevermögen, die Staudämme waren vollgelaufen und überall stürzten wilde Wassermassen ungebremst von den steilen Felswänden in die Tiefe. 

Wir saßen fest und hofften auf einen Helikopter, den wir durch Signale zum Landen auffordern wollten. Aber das Wochenende war gerade vorbei und es kam keiner mehr, weil die Norweger ihre Behausungen in der Hochebene bereits verlassen hatten. Unsere Lebensmittel waren aufgebraucht und die Vorratskammer in der Hütte nicht gerade üppig gefüllt. Die Gerichte aus Rentier waren alles andere als lecker, so aßen wir Schnellkoch-Reis gemischt mit Obstsalat aus der Dose, morgens süß, abends mit Cayennepfeffer und Curry.

Ich wusste, dass es noch einen anderen, viel weiteren Weg aus der Vidda heraus gab, aber in unserer Karte war er nicht eingezeichnet und es war unklar, ob er überhaupt durchgängig begehbar sein würde, weil er mehrere Flüsse kreuzte. Um ihn zu versuchen, fehlte jetzt das Zelt, falls ein Unwetter aufkäme oder wir uns ausruhen müssten. Zurückzugehen war auch keine Option. Uns blieb nichts, als zu warten bis der Regen aufhörte und der Bach irgendwann wieder zu furten war – was Wochen dauern konnte. Die letzte Hoffnung war, am nächsten Wochenende einen Helikopter zum Landen bewegen zu können. 

An einem Abend erreichte dann ein Norweger die Hütte. Er wollte am nächsten Morgen zum nur vier Stunden entfernten Parkplatz absteigen, wo auch unser Auto stand und wohin er für den Mittag ein Taxi vorbestellt hatte. Ich erklärte ihm, dass das wohl nicht ginge. Weil der andere Weg in seiner Karte eingezeichnet war und er ein Ein-Mann-Zelt hatte, entschlossen wir uns, es am nächsten Tag gemeinsam zu versuchen, zusammenbleiben und uns zur Not in seinem Zelt zu stapeln.

Als wir am Morgen sehr früh aufbrachen, endete der tagelange Dauerregen zu unserer Freude. Was vor uns lag, sollte zur anstrengendsten Wanderung werden, die ich je unternommen habe. 

Unterwegs stellte sich heraus, dass der Norweger äußerst erfahren in der Wildnis war und sich im Vorjahr drei Monate mit dem Kanu durch die Northwest Territories geschlagen hatte. Er war enorm stark und fand im unbekannten Terrain immer schnell die Orientierung. Sehr angenehm, ausgerechnet ihn bei dieser extremen Tour dabei zu haben. Aber auch er war völlig erschöpft als wir nach über 12 Stunden Gehzeit unser Auto erreichten. Zwar unter Schmerzen, aber erleichtert, es geschafft zu haben. Weil das Taxi natürlich längst weg war, bot der Norweger uns ein Abendessen, eine Nacht und ein Frühstück in seinem Haus in Stavanger an, wenn wir ihn dort hin fahren würden. Spät kamen wir an, aßen lecker und fielen in wunderbaren Gästebetten in einen tiefen, langen Schlaf.

Der zweite Versuch einer Durchwanderung der Hardangervidda hatte also halbwegs geklappt. Für die nächste Nord-Süd-Querung reisten wir mit verbesserter, ultraleichter Vollausrüstung per Flugzeug an.

Von der Südküste fuhren wir mit dem Zug in die Hochebene und begannen unseren Marsch. Dank des Zelts konnten wir uns unterwegs vor Unwettern verkriechen und übernachteten ausschließlich in der Natur an einsamen Plätzen. Direkt am Rand des Hardangergletschers hundert Meter vom Eis entfernt oder mit großartigem Rundblick oberhalb eines zum Teil noch gefrorenen, mächtigen Sees. Die Strecke war anstrengend und wir die meiste Zeit hungrig, aber wir fühlten uns frei, stark und waren glücklich. Als wir abends schlafen gingen, waren es außerhalb des Zelts 7 Grad Celsius. 

Gegen Ende der Tour kamen uns drei junge Deutsche entgegen, die für die Temperaturen und die Nässe nicht gut ausgerüstet waren und bereits am Anfang ihres Wegs einen verzweifelten Eindruck machten.

Wir waren so schnell, dass wir noch fünf Tage bis zu unserem Rückflug hatten, als wir wieder die Südküste erreichten. Ein Campingplatzbetreiber lies sich überreden, uns auf seinem den ganzen Sommer über restlos ausgebuchten Platz für die verbleibende Zeit einen kleinen, aber auch schönen Flecken zu überlassen.

Die Busfahrer in der Region waren ausnahmslos Araber, die kein Englisch sprachen, sondern nur Norwegisch. Von ihnen lernte ich weitere schnodderige Redewendungen und bekam den Tipp, dort, wo sie abends die Busse parkten, bei „Cheffen“ eine Saisonkarte zu kaufen, die kaum teurer war als zwei Einzelfahrten. 

So erkundeten wir mit Linienbussen die Umgebung, machten bei Regen Rundfahrten, stöberten durch hervorragend sortierte Outdoorläden und besuchten bei besserem Wetter die beeindruckende Küste, wo es sich anfühlte, als sei die Welt hier zu Ende. Wie diese Geschichte.