Close

Sandsturm am Erg Chegaga

Wir erreichten den Erg Chegaga gerade noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang. Schon wenige Minuten nachdem wir die letzte Siedlung von Mahmid mit unserem Geländewagen passiert hatten, stoppte uns ein Mann, der sich zu Fuß auf der hügeligen Piste befand. Er sagte, er hätte sich einen Kilometer entfernt im Sand festgefahren. Wir schickten ihn zu einem Off-Road-Camp, das ganz in der Nähe lag, um dort nach Hilfe zu fragen.

Nach weiteren zehn Minuten trafen wir auf einen schweißüberströmten und verzweifelten Motorradfahrer, dessen Maschine ein niederländisches Kennzeichen trug. Auch er kam nicht aus dem tiefen Sand heraus und wir halfen ihm. Jedesmal, wenn wir stoppten, steuerten wir eine Insel aus hartem Boden inmitten des weichen Sands an, um nach dem Halt problemlos wieder anfahren zu können. Wenn du erst mal im tiefen Sand stehst, hast du ein Problem.  Zum Glück hatte ich bei der Abfahrt einen Sechserpack aus 1,5-Liter-Wasserflaschen in den Kofferrauem geworfen, was in jedem Fall bis zum nächsten Mittag reichen sollte, an dem wir wieder zurück sein wollten. Ein zweiter Motorradfahrer tauchte auf, wir gaben dem Holländer eine der Flaschen und fuhren weiter.

Es war keineswegs heiß, November eben, das Wetter mild und angenehm, und schon nach wenigen Kilometern zeigte sich, wie gefährlich die Sahara selbst bei diesen guten Bedingungen für Touristen werden kann, die hineinfahren, ohne die nötige Erfahrung zu haben.

Es war bereits spät und wir hatten es eilig, bis zum Sonnenuntergang am Erg Chegaga zu sein. Es gelang gerade eben so. Ich rannte die nächste große Düne hinauf und spürte, wie die extrem trockene Luft in meiner Lunge brannte. Völlig außer Atem kam ich oben an, erlebte noch die letzten Momente, schoss ein paar Fotos und stieg wieder hinab ins Camp.

Als wir die Übernachtung gebucht hatten, wurde uns ein Folklore-Abend versprochen. Ich hatte so etwas schon mal am Rande einer Reise bei Neckermann gesehen und hoffte, dass wir es auslassen würden können. Was jedoch geschah, als wir nach Sonnenuntergang wieder bei unseren Zelten eintrafen, war absolut überwältigend. Die Marokkaner, die das Camp betrieben, packten Trommeln aus und fingen an zu musizieren. Das war keine Show nur für Touristen, sondern sie spielten voller Freude für sich selbst, trommelten und sangen und gerieten geradezu in Trance.

Ich habe selten erlebt, dass Menschen derart musikalisch sind wie im Maghreb. Oft, wenn Leute zusammen kommen, wird geklatscht und gesungen und was dabei entsteht, hat so viel Gefühl und Rhythmus, wie es bei uns manche Musiker mit sündhaft teurem Equipment nicht zeigen. 

Alle im Camp stiegen in Tanz und Gesang ein, das Lagerfeuer brannte hoch. Es wurde ein ekstatisches Fest und später eine zufriedene Nacht, die erfüllt war von der für einen Frankfurter unvorstellbaren Stille der Wüste.

Am Morgen waren wir die einzigen im Camp, die es noch in der Dunkelheit wieder hinauf auf die höchste Düne in der Nähe schafften. Und wir wurden überreich dafür belohnt. Nicht nur durch den Sonnenaufgang über dem Erg, sondern auch durch den Anblick des mächtigen Sandsturms, der sich zunächst in sicherer Entfernung an der algerischen Grenze zusammenbraute. Ich liebe es, wenn das Wetter zeigt, welche Macht es haben kann. Ein blauer Himmel ist schön, immer blauer Himmel ist todlangweilig. Doch der Sturm bewegte sich auch genau auf uns zu.

Bei der Fahrt zurück nach Mahmid kam der Sandsturm von hinten immer näher. Wir hielten mehrfach, um das Naturschauspiel zu genießen. Doch nur noch eine leichte Brise erinnerte daran, als wir die Wüste schließlich verließen.

Neben der großartigen Natur sind an Marokko vor allem die Menschen bemerkenswert, die zum einen Teil mit großer Penetranz und Aggressivität versuchen, Touristen ihre angeblichen Dienste gegen europäische Preise aufzuzwingen. Die zum anderen Teil aber über so viel Humor und Selbstironie verfügen, dass sie bei Begegnungen und in Gesprächen sehr witzig mit den Klischees spielen, die wir von ihnen haben und sie von uns.

So sehr wir uns in einem Land, in dem wir Gäste sind, auch anpassen und respektvoll verhalten möchten, so wenig gelingt es, automatisierte und natürliche Bewegungsabläufe von heute auf morgen abzulegen – vor allem dann nicht, wenn die Gründe aus unserer Sicht keine Relevanz haben. Es gab eine Sache, die uns mehrfach misslang und mit der wir Marokkaner ein paar Mal vor den Kopf stießen, was uns meist aber erst später als Ursache für befremdliche Situationen bewusst wurde: die „falsche“ Benutzung der linken Hand.