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Kulturschock in Abidjan

Meine Geburt in Wien hatte ich um ein paar Tage verpasst und kam kurz nachdem meine Eltern zurück in die Heimat umgezogen waren dann doch in Frankfurt als Deutscher auf die Welt. Kaum konnte ich halbwegs laufen, gingen wir erneut auf Reisen.

Während andere Kinder immer an einem Ort blieben, in einer vertrauten Welt ohne große Überraschungen aufwuchsen und feste Freunde hatten, lernte ich, mich ständig anderen Kulturen anzupassen, ihre Eigenarten zu tolerieren und flexibel in meinem Denken und meinen Vorstellungen zu sein.

Die ersten Lebensjahre verbrachte ich unter anderem in Kursk (UdSSR) und in Šabac (Jugoslawien). Bald zogen meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich an die Elfenbeinküste nach Abidjan. Es ist zwar lange her, aber, was wir dort erlebten, war teilweise so intensiv, dass ich mich noch heute lebhaft daran erinnere.

Wenn wir durch die Straßen gingen, sorgte meine weiße Kinderhaut für großes Interesse bei vielen Einheimischen und sie wollten sie berühren. Was sie leider auch taten ohne zu fragen – aus irgendeinem Aberglauben heraus.

Jungen und junge Männer schossen an einer der belebten Hauptstraßen mit Steinschleudern Flughunde von den Bäumen, schnappten sie an ihren Flügeln, spreizten diese auseinander und präsentierten uns die Tiere in voller Spannweite. So schlug man die Zeit gleich mit tot.

Einmal stand plötzlich im Abstand von wenigen Metern ein Medizinmann oder Hexer vor mir. Einen Ring durch die Nase, Schmuck aus Federn und Fransen am ganzen Körper, angsterregende Bemalung im Gesicht. Er führte einen seltsamen Tanz auf und blickte mir in die Augen. Ich bekam einen furchtbaren Schreck und war erleichtert, als er kein weiteres Interesse an mir zeigte.

Unser Zuhause war ein Appartement in einem vierstöckigen Wohnblock. Vorne die unbefestigte Straße, hinten vom Balkon aus der Blick auf die Rückseite eines identischen Blocks. Manche Balkone waren komplett vergittert, weil die Nachbarn dort als Haustiere keine Hunde oder Katzen hielten, sondern Schimpansen und andere Affen. Ich weiß nicht, ob es sich wirklich um Haustiere handelte oder nicht doch um Bushmeat.

Im Kindergarten waren mein Bruder und ich die einzigen Weißen. Alle waren überaus freundlich, wir fühlten uns aber sehr fremd in dieser völlig anderen Welt. Einmal am Tag ging es ans Zähneputzen. Wir stellten uns auf und kamen nacheinander an die Reihe. Es gab eine Zahnbürste, die von Kind zu Kind weitergegeben wurde. Als wir dies beim ersten Mal bemerkten und darauf hinwiesen, dass wir bereits zu Hause die Zähne geputzt hatten, führte das zu großem Gelächter ob der mangelnden Reinlichkeit der beiden weißen Kinder, die sich wohl vorm Zähneputzen drücken wollten. Bei jeder Gelegenheit fingen alle Kinder und Erzieher an zu singen, im Gleichschritt zu tanzen und zu klatschen. Wenn ich heute Afrikaner auf diese Art tanzen und singen sehe, spüre ich sofort wieder diese überwältigende Lebensfreude.

Später kam ich in die École Maternelle, wo ich anfing für ein schwarzes Mädchen zu schwärmen, das eine strahlend weiße Schleife im Haar trug. Ich fand sie unvorstellbar süß. Es wurde französisch gesprochen, aber viel verstand ich nicht. Der Englischunterricht war eine Wohltat, endlich konnte ich zumindest kurzzeitig sprachlich mit meinen Mitschülern gleichziehen. 

An einem Wochenende besuchten wir einen Zoo. An der Kasse stürzten sich frei laufende Äffchen auf unsere Schuhe und öffneten mit blitzschnellen Bewegungen frech die Schnürsenkel. Der Tierpark bestand aus einem Trampelpfad durch den Dschungel. Am Wegesrand waren Pflöcke in die Erde gerammt, an denen Tiere mit viel zu kurzen Seilen festgebunden waren. Sie hatten kaum Bewegungsfreiheit, waren frustriert und aggressiv. Ein Affe schleuderte meinem Bruder mit voller Wucht eine Hand voll Dreck ins Gesicht.

Im öffentlichen Freibad präsentierte auf der Liegewiese ein Schlangenbeschwörer mit nervigem Gedudel seine Kunst, die dem gestressten Tier ebenso wenig gefiel wie uns. Unsere Spielsachen gingen hier schnell in den Besitz der Gemeinschaft über. Wenn mein Vater bei der Arbeit war, gingen wir zum Baden in ein Hotel, wo es entspannter zuging.

Es gab kaum Möglichkeiten der Freizeitgestaltung – außer dem Schwimmen, Rundflügen über die Savanne zu wilden Elefantenherden und einem Kino, in dem zwar nur die schlechtesten Filme liefen, das jedoch klimatisiert war.

Ein absoluter Höhepunkt war, als die Familie meiner lieben Tante uns ein 1/4-Zoll-Tonband schickte. Darauf hatten sie eine Sprachnachricht aufgenommen und eine Kinderschallplatte überspielt: Das Dschungelbuch. Wir haben es so oft auf unserer Koffer-Bandmaschine laufen lassen, dass ich ihre Stimmen noch heute in meinem Gedächtnis höre, wenn ich daran denke. 

Nach fast einem Jahr verließen wir Abidjan und die Cotê d‘Ivoire und kehrten nach Deutschland zurück. Die Schule begann und wir begleiteten meinen Vater fortan nur noch in den Ferien bei seinen Reisen.